Mitarbeiterin aus München war im Oktober auf der „Lifeline“ im Einsatz

In einem offenen Brief von Bord des Schiffs schildert Clara Richter ihren Kolleg(inn)en in Oberbayern ihre Erlebnisse und Aufgaben auf der "Lifeline", aber auch ihre Frustation darüber, tatenlos im Hafen vor Anker gelegen zu haben. Ihr Brief endet mit einem klaren Appell für mehr Humanität und Menschlichkeit!

„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

seit Mai 2017 arbeite ich in der Münchner Schutzstelle für Kinder [„Zauberwald“]. Für eine Bewerbung bei der Diakonie Rosenheim habe ich mich ganz bewusst entschieden. Ich hatte das vorangegangene Jahr als Freiwillige in den Flüchtlingscamps von Griechenland ver-bracht. Die öffentlich bezogene Haltung des DWRO und das Engagement der Jugendhilfe Oberbayern – vor allem in der ehemaligen Bayernkaserne bei der Inobhutnahme der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge – hatten mir sehr imponiert.

Ich bin froh, Teil des Schutzstellen-Teams zu sein, und habe große Freude an unserer Arbeit. Trotzdem – und das wissen alle Teammitglieder – sehne ich mich danach, wieder ehrenamtlich im Ausland für Menschen auf der Flucht tätig zu sein. Dank der unglaublichen Flexibilität meiner Kolleg(inn)en haben wir es geschafft, dass ich nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr einige Wochen auf der „Lifeline“ verbringen darf.

Seit ungefähr drei Monaten aber liegt dieses Seenotrettungsschiff im Hafen von Valletta / Malta im Mittelmeer und darf nicht auslaufen. Neben der „Lifeline“ werden allein in Valletta noch zwei weitere Schiffe – „Seawatch 3“ und „Seefuchs“ – am Auslaufen gehindert. Da auch in anderen Häfen Schiffe liegen und nicht in die „Search and Rescue“-Zone aufbrechen dürfen, war im September zeitweise kein einziges solches Schiff der zivilen Seenotrettung auf See, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Die Zahl der Toten durch Ertrinken aber steigt immer weiter. „Seawatch“ sprach zuletzt davon, jede(r) fünfte Geflüchtete würde beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, sterben.

Vor Malta zu liegen, auf einem Schiff, das für Rettungsmanöver ausgerüstet ist, mit einer Crew an meiner Seite, die bereit ist, aufzubrechen, um Menschenleben zu retten, ist frustrierend. Damit wir starten können, wenn wir doch wieder zur Lebensrettung auslaufen dürfen, halten wir die „Lifeline“ und uns permanent in Schuss:

Unser Arbeitstag startet morgens nach einem Meeting meist damit, dass wir das Schiff – vor allem die Räumlichkeiten unter Deck – reinigen. Anschließend gehen wir den uns zugeteilten Aufgaben nach. Ich habe mich als Köchin auf der „Lifeline“ beworben und bin für den Einkauf und die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Da ich aber gern Neues lerne und sehr interessiert [auch] an anderen Arbeiten bin, gehe ich vor allem den Mechanikern viel zur Hand. An den drei RHIBs (auf Deutsch: Festrumpfschlauchboote) arbeite ich besonders gern. Durch ein solches Schiff laufen unglaublich viele Leitungen und Kabel, die regelmäßig gewartet und geprüft werden müssen. Das überlasse ich aber denjenigen von uns, die alle Pläne zu diesem Schiff auswendig kennen und sich im Maschinenraum bewegen, als wäre es ihr Zuhause. Auch das Trainieren und Routinieren von Manövern und Abläufen auf dem Schiff gehören zu unserer täglichen Arbeit. Vor allem die Sicherheitsvorkehrungen rufen wir uns immer wieder ins Gedächtnis. Im Ernstfall werden die RHIBs mit zwei Kränen von Deck ins Meer gehoben. Mit ihnen findet dann die eigentliche Rettung der Menschen von ihren Schlauchbooten statt. Sowohl das Kranen als auch das Fahren bedarf einiger Übung. Und so nutzen wir jede Gelegenheit zum Hinaus- und Hineinkranen sowie zum Fahren. Für mich sind das die besten Einheiten am Tag. Auch logistische Fragen werden immer wieder besprochen. Mich beschäftigt hier vor allem die Frage: Wie schaffe ich es in einer für 18 Personen ausgelegten Küche 500 Mahlzeiten pro Tag zuzubereiten?

Ein weiterer großer Aufgabenbereich ist die Medienarbeit. Darunter fällt es zum Einen, mehrere Interviews für internationale Medien in der Woche zu geben, zum Anderen versuchen wir u. a. mit politischen Aktionen – vor allem um die Gerichtsverhandlungen gegen unseren Kapitän Claus-Peter Reisch herum – den öffentlichen Blick auf „unser“ Thema zu fokussieren.

So vergehen die Tage für uns wie im Flug. Erst beim gemeinsamen Abendessen wird einem so wirklich bewusst, was man den Tag über alles geleistet hat!
Unser aller Wunsch wäre natürlich, am Ende des Tages zusammensitzen und sagen zu können: Wir haben es wieder geschafft! Wir haben Menschen auf der Flucht das Leben gerettet.

Ich schicke ein großes „Danke“ an mein Team im „Zauberwald“! Ihr macht es möglich, dass ich hier bin und davor ziehen alle Crewmitglieder ihren Hut.

Gleichzeitig richte ich an alle Kolleginnen und Kollegen im DWRO eine große Bitte: Tragt dazu bei, dass zivile Seenotrettung wieder möglich wird und das Sterben auf dem Mittelmeer ein Ende hat. Bitte DWRO, zeige – wie bereits 2015 – eine klare Haltung für Humanität und Nächstenliebe!“