Im Gespräch mit Marija Renjic

Im November 2016 hat die neu entstandene Mutter-Kind-Einrichtung in der Pilotystraße ihre Türen für die ersten Klientinnen geöffnet. Bereichsleitung ist Marija Renjic, die das Haus, mit viel Unterstützung ihres Teams, für hilfebedürftige junge Mütter und deren Kinder zum Leben erweckt hat.

Die geborene Frankfurterin mit kroatischen Wurzeln ist eines der neuen Gesichter der flexiblen Jugendhilfe in München.
Nachdem Marija ihre Erzieherausbildung in ihrer Heimatstadt Frankfurt beendet hat, sammelte sie viele Jahre Erfahrungen im Elementarbereich. Sie entschied sich währenddessen für ein Studium der Sozialpädagogik, welches sie am Ende zu uns nach München führte. Hier arbeitete sie mehrere Jahre mit psychisch kranken Mädchen. 2015 kam sie zur Jugendhilfe Oberbayern und wurde nach nur einem Jahr Bereichsleitung.

S: Marija, wie bist du zur Jugendhilfe Oberbayern gekommen?

M: Ich habe mich aus privaten Gründen, entschieden nicht mehr im Schichtdienst zu arbeiten und hab dann 2015 angefangen mich zu bewerben. Ich habe im AEH Büro der Flex in Neuhausen begonnen. Schon dort habe ich junge Mütter mit ihren Kindern betreut. 2016 sah ich dann die Ausschreibung für die Stelle als Bereichsleitung in der Pilotystraße. Besonders wichtig war mir hierbei, dass es sich um eine heilpädagogisch-therapeutische Einrichtung handeln soll. Ich wollte gerne wieder in das therapeutische Arbeiten zurück.

S: Woher kommt deine Leidenschaft für die Arbeit mit jungen Frauen und vor allem im therapeutischen Betreuungsbereich?

M: Ich dachte nie, dass ich in der sozialen Arbeit geschlechtsspezifische Unterschiede machen würde. Aber durch die Arbeit mit psychisch-kranken Mädchen hier in München habe ich gemerkt, dass es als Frau oft einfacher ist einen Zugang zu den Klientinnen zu finden. Das therapeutische Setting habe ich für mich gewählt, weil ich die Arbeit mit facettenreichen - dieses Wort ist mir einfach lieber als psychisch-kranken - Menschen spannend finde und ich eine gewisse Grundhaltung vertrete. Menschen, die niemanden haben, die möglicherweise schon mehrfach aus Einrichtungen geflogen sind, bekommen hier eine Chance. Um nochmal zu sagen: Wenn dich keiner mehr will - wir nehmen dich, auch wenn wir dich auch manchmal aushalten müssen.

S: Wie ist der Mehrwert zu dieser Arbeit. Du sprichst eben auch von aushalten. Wird man dafür auch belohnt?

M: Die Belohnung kommt nicht immer mit der Beendigung der Jugendhilfe. Diese jungen Menschen hinterlassen auch manchmal verbrannte Erde. Dass man eine gute Arbeit gemacht hat, erkennt man manchmal durch Zufall auch erst mehrere Jahre später, wenn man die ehemalige Klientin auf einem Sommerfest trifft und man von der positiven Entwicklung erfährt.

S: Was zeichnet für dich die Jugendhilfe Oberbayern aus?

M: Was ich wirklich sehr zu schätzen weiß, ist die Möglichkeit selbstständig und eigenständig zu arbeiten. Die Strukturen schaffen Raum, einzelne Mitarbeiter individuell zu sehen und einzusetzen. Und auch für einzelne Projekte können finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden, um selbst größere Projekte zu verwirklichen. Wir organisieren beispielsweise dieses Jahr eine Projektfahrt nach Kroatien, die wir hausintern unternehmen. Gerade weil wir in der Pilotystraße neben den Müttern auch Kleinkinder und Babys betreuen, gestalten sich die einrichtungsübergreifenden Projektfahrten, wie das Sommerprojekt, eher schwierig.

S: Eure Hilfen beziehen sich ja immer auf zwei Generationen. Das bedeutet, dass das Kind gleichermaßen im Mittelpunkt steht wie die Mutter. Kompetenzen in der Einschätzung und Förderung von Säuglingen und Kleinkindern sowie das Anbieten von attraktiven Angeboten für Mutter und Kind stellen eine große Herausforderung dar. Wie werdet ihr dieser enormen Aufgabe gerecht?

M: Eigentlich haben wir sogar drei Generationen, das wird nur oft nicht gesehen. Das JA bringt unsere Klientinnen nach dem §19 unter. Was bei uns ja nicht so vorgesehen ist. Gerade bei minderjährigen Müttern - die haben ja auch noch Eltern. Die sind in dem Fall auch noch die Sorgeberechtigten. Das ist schwierig, weil man sich immer auf den Hilfeadressaten konzentrieren muss und bei uns sind es alle drei. Wir achten darauf in wie weit eine Beziehung zur Herkunftsfamilie besteht und unterstützen diese. Wir hatten beispielsweise eine Klientin, die regelmäßig bei ihren Eltern war. Wir ermöglichen dann auch Hausbesuche und Elterngespräche, um die konfliktreiche Beziehung so zu gestalten, damit es für das Kind der Klientin gut ist, wenn sie zu Hause sein kann. Um allen gerecht zu werden, hilft uns das Case-Managementsystem, bei dem die Fallzuständigkeit der zuständigen Pädagogin bei Mutter und Kind liegen. Wir nutzen natürlich auch dementsprechend den Raum für den regelmäßigen Austausch bei Teambesprechungen, Fallbesprechungen, erhalten Beratung durch einen heilpädagogischen und einen psychologischen Fachdienst sowie Supervision, um immer den gesamten Fall reflektieren zu können. So können wir dann die am besten geeigneten Hilfen anbieten.

S: Welche Problemlagen ergeben sich im Alltag mit den Klienten?

M: Ganz salopp gesagt, sind wir eigentlich Lebensmanager. Weil man die Klienten überall unterstützt. Dass man gemeinsam Briefe öffnet, darauf achtet, dass sie überhaupt in die Post schauen, wie man Unterlagen ordnet... Man ist manchmal Freundin, manchmal Übertragungsperson der Mutter oder man ist Fachkraft. Man schaut, dass man das alles zusammenbringen kann, um irgendwann darauf hinzuarbeiten, dass die junge Frau selbstständig für sich sorgen kann und psychisch so stabil ist, um dann auch für das Kind zu sorgen.

S: Was magst du als Bereichsleitung, was weniger?

M: Was mir wirklich Spaß macht, ist die konzeptionelle Arbeit, in der ich auch meine Berufserfahrung einbringen kann. Das heißt, meine Kolleginnen in ihrer Arbeit zu unterstützen, vor allem auch in den fachlichen Austausch zu kommen. Zuvor gab es keine vergleichbare Wohngruppe für schwangere Minderjährige in München. Eine der ersten zu sein, die dafür ein Konzept erarbeitet, finde ich sehr schön. Und ich genieße es auch, wenn ich mich wieder einer Kindergruppe widme und so praktisch und pädagogisch arbeiten kann. Was zur Bereichsleitung natürlich auch gehört, ist die Organisation aller administrativen Dinge. Manchmal ist das mühselig, aber im Prinzip erledige ich auch das gerne.

S: Was vermisst du aus der Arbeit mit den Jugendlichen gar nicht?

M: Überlegt... was habe ich nicht gerne gemacht.... Ja, ich denke, diese Situationen in denen du gefühlt stundenlang angeschrien wirst. Das brauche ich jetzt nicht mehr so. lacht Aber trotz allem ist es so, dass das auch zu einer Beziehungsarbeit gehört und die mache ich grundsätzlich sehr gerne.

S: Wie sehen denn deine nahen Zukunftspläne aus?

M: Ich hoffe, wenn wir das einzelbetreute Wohnen anbieten, wieder eine Klientin mit einigen Stunden zu bekommen. Auch das mag ich als Bereichsleitung, dass man auch die Möglichkeit hat, es soweit mitzugestalten und zu sagen: Ich möchte ein Stück weit wieder mehr pädagogische Arbeit leisten.

S: Gefühlsmensch oder Kopfmensch?

M: Gefühl. Ich kenne bestimmte Triggerpunkte bei mir. Das sind ersten Anzeichen, die ich von innen heraus spüre und intuitiv handle. Die Reflexion und Theorie kommen später. Warst du als Teenager schwierig? M: Hmmm... für mich war es vor allem schwierig zu verstehen, warum man sich immer an so viele Regeln halten muss. Also dieses klassische du musst dieses und jenes tun, damit du dann in 15 Jahren das davon hat. Diese Kausalitäten habe ich nicht verstanden.

S: Hast du dich dagegen auch gewehrt?

M: Ja. Ich bin relativ renitent. - lächelt

S: Was wolltest du als Kind werden?

M: Ich wollte schon immer mit Kindern und Heranwachsenden arbeiten und Erzieherin werden. Deshalb ist es für mich auch so schön, dass sich diese Kombination zwischen der Arbeit mit Jugendlichen und auch mit Kindern in der Pilotystraße für mich ergeben hat.

S: Vielen Dank für das unterhaltsame Interview. Zum Schluss hast du noch drei Wünsche frei.

M: Ich würde mir mehr Freizeit wünschen, ein Kinderheim im Balkan eröffnen und noch lange Zeit mit meiner Mama verbringen können.

 

Das Interview am 19.05.2017 führte Silvia Best