Francis Kuckuk

Diplom-Sozialpädagogin (FH)

 

 

Francis, 34 Jahre alt, kann sich noch gut an die gemeinsamen Abende mit ihren Eltern erinnern, an denen oft das Thema Schule im Mittelpunkt stand. Der Vater, in der Lehrerfortbildung tätig, erzählte von seinen Visionen wie Lehren an den Schule stattfinden könnte. Die  Mutter, Lehrerin und Rektorin, zweifelte an der Umsetzung der Theorie in die Praxis und Francis bestritt die Seite der SchülerInnen. So oder so ähnlich wurde die Schule häufig zum zentralen Thema in der Familie: "Ich bin in den Bildungsbegriff von klein auf hinein gewachsen. Es ist erstaunlich, wie sehr mich das geprägt hat. Das habe ich allerdings erst viel später bemerkt."

Francis über ihren Werdegang: "Nach dem Abitur absolvierte ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr mit dem Schwerpunkt Umweltbildung im Nationalpark Berchtesgaden. Anschließend habe ich eine Ausbildung zur Pferdewirtin gemacht und war sechs Jahre lang in diesem Beruf tätig. Die Landwirtschaft, Zucht und Aufzucht,  sowie die Grundausbildung von Pferden zählten hier zu meinen Aufgaben. Der Job war körperlich sehr anstrengend. Nach einem schweren Reitunfall , entschied ich mich zur Neuorientierung. Da ich lange Zeit evangelische Jugendarbeit geleistet habe, war mir die Arbeit im sozialen Bereich vertraut. Ich entschloss ich mich zum Studium der Sozialen Arbeit und besuchte die Katholische Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern. Bereits in meinen Praxissemestern lernte ich das Arbeitsfeld der Jugendsozialarbeit an Schulen bei der Jugendhilfe Oberbayern kennen. Nach meinem Studium und einem kurzzeitigen Umweg über den stationären Bereich, kehrte ich im Herbst 2007 zum Diakonischen Werk Rosenheim und in den Schulbereich zurück. Während die Werner-Siemens-Mittelschule in Traunreut seither mein Standort ist, bin ich nun seit Juni 2011 auch Bereichsleitung für den Landkreis Traunstein, Berchtesgaden."

Was reizt Dich an diesem Berufsfeld?
Besonders zwei Aspekte reizen mich an den Kommunalen Hilfen. Zum einen die Zusammenarbeit mit verwandten Professionen und zum anderen das hohe Maß an Selbständigkeit, welches viel Gestaltungsfreiheit zulässt.

Schulsozialarbeit und Jugendsozialarbeit an Schulen? Worin liegt der Unterschied und weshalb ist es wichtig, auf die richtige Formulierung zu achten?
Also, es sind ganz klar zwei verschiedene Angebote - sowohl hinsichtlich der Zielgruppe, als auch in Bezug auf die Finanzierung. Im gesamten Landkreis Traunstein wird beispielsweise nur Jugendsozialarbeit an Schulen angeboten. Dieses Angebot wird durch den Europäischen Sozialfond gefördert und gilt insbesondere für Schülerinnen und Schüler, die einen speziellen Unterstützungs- und Förderbedarf aufweisen. Die rechtliche Grundlage bzw. der gesetzliche Auftrag der Jugendsozialarbeit ergibt sich aus dem § 13 des SGB VIII. Die Schulsozialarbeit hingegen spricht generell alle SchülerInnen einer Schule an und wird über die Gemeinde bzw. den Landkreis finanziert. Diese Differenzierung wird im Moment stark durch das Bayerische Staatsministerium kontrolliert. Inwieweit dies allerdings Unterschiede in der tatsächlichen Arbeit hervorruft, ist abhängig vom Einsatzort und der Person, die diese Stelle bekleidet. Ich muss immer dann besonders darauf achten, wenn es beispielweise um ein Gruppenangebot wie beispielsweise einer Klassenfahrt geht.  Weist ein größerer Anteil der SchülerInnen einen besonderen Unterstützungsbedarf auf, kann es notwendig  sein, dass ich diese Klassenfahrt begleite um in diesem Setting speziell diese Jugendlichen zu unterstützen.


Was ist das Ziel von Jugendsozialarbeit an Schulen?
Jugendsozialarbeit ist ein niederschwelliges Angebot für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Die Unterstützung beim Überwinden persönlicher, schulischer und/oder beruflicher Probleme soll es den Betroffenen ermöglichen, wieder in das soziale Umfeld und/oder die Arbeitwelt integriert zu werden. Unter Einbeziehung der vorhandenen Ressourcen wird gemeinsam mit dem jungen Menschen eine Zukunftsperspektive entwickelt.

Wie arbeitet Jugendsozialarbeit an Schulen?

  • Beratung und Krisenintervention

  • Gemeinwesen- und Vernetzungsarbeit

  • Stärkung sozialer und emotionaler Kompetenz

  • Integration, Migration, Inklusion

  • Übergang Schule-Beruf

  • Freizeit, Kultur, Bildung.

Aus diesen Bereichen ergibt sich unsere tägliche Arbeit. Jedoch finden die einzelnen Punkte unterschiedliche Gewichtungen. Die Schwerpunkte ergeben sich sowohl aus dem Bedarf an der jeweiligen Schule als auch aus der persönlichen Gestaltung jedes einzelnen Mitarbeitenden. Hier ! macht sich die Gestaltungsfreiheit bemerkbar, so dass jeder Mitarbeiter seine Persönlichkeit und ein Stück weit seine eigenen Interessen einbringen kann.
 Ich habe an meiner Schule beispielsweise seit Jahren ein Zirkusprojekt laufen und würde gerne einmal etwas anderes ausprobieren um noch andere Zielgruppen zu erreichen. Allerdings ist das Projekt von der Schulleitung gern gesehen und hat eine gute Außenwirkung. Die häufig im Schulalltag schwierigen Kinder erhalten hierüber positive Aufmerksamkeit und Rückmeldung durch Lehrkräfte und Schulleitung. Als Sozialpädagogin muss ich zwischen dem Bedarf der  SchülerInnen ,  den Bedürfnissen und Rahmenbedingungen die ein Schulsystem mit sich bringt und meinen Visionen abwägen um meinen Auftrag so gut wie möglich erfüllen zu können.

Nun erfordert dieses Arbeitsfeld eine sehr selbständige Arbeitsweise und ein hohes Maß an Flexibilität. Siehst Du das als besondere Herausforderung an?
Ja, ich denke schon, dass dieser Freiraum bzw. die Selbständigkeit, die vorausgesetzt wird, gerade für Berufseinsteiger eine große Herausforderung ist. Denn obwohl wir in ein gutes Netzwerk eingebunden sind und uns gegenseitig unterstützen, gibt es immer wieder Situationen, in denen ich gerade niemanden erreiche und sofortiger Handlungsbedarf besteht. In einem solchen Moment muss ich dann einfach entscheiden, auch wenn ich hinterher feststelle, dass die Entscheidung möglicherweise nicht die Günstigste war. Hier habe ich die Einstellung meines Geschäftsbereichsleiters übernommen: Das größte Problem ist, wenn man nichts entscheidet. Es können Fehler passieren, das ist kein Problem, aber ich muss bereit sein, zu entscheiden. Diesen Leitsatz genieße ich sehr und gebe ihn auch so an mein Team weiter.

Wie gelingt es Dir als Leitung, Deinen Mitarbeitenden -trotz der räumlichen Distanzen- ein Gefühl der Teamzugehörigkeit zu vermitteln?
Ich weiß noch nicht, ob es mir gelingt, aber ich gebe mir  Mühe. Ich denke, dass die Verbundenheit aufgrund der neuen strukturellen Gegebenheiten,  der Landkreis Traunstein als eigenes Team, leichter zu erreichen ist. Meine KollegInnen sind auf Grund des Arbeitsfeldes sehr selbständig und unterstützen sich sehr gut untereinander. Zudem pflege ich eine ganz bewusste und zuverlässige Rückrufkultur.

Was siehst Du schwerpunktmäßig als Deine Aufgabe in der Funktion als Bereichsleitung an?
Meine Aufgabe als Leitung sehe ich darin, die jeweiligen Talente des Einzelnen zu erkennen und zu ermöglichen, dass sie sich im vorgegebenen Rahmen bedingt durch den Einsatzort und unseres Trägers entfalten können.  Mein Ziel ist es als Team  all diese Talente für unsere KlientInnen gewinnbringend einzusetzen.

Wie stellst Du Dir Deine berufliche Zukunft vor?
Ich könnte mir vorstellen, dass ich irgendwann noch meine Qualifikation in der Erlebnispädagogik nutzen möchte. Aber grundsätzlich fühle ich mich in meinem derzeitigen  Arbeitsgebiet sehr wohl. Im Moment  freue ich mich erst einmal über meine neue Tätigkeit als Bereichsleitung. Diese Veränderung war für mich persönlich sehr wichtig. Dabei geht es mir nicht um den Karriereschritt im Sinne von mehr Ansehen oder Geld, sondern um die Möglichkeit der Weiterentwicklung und der Gestaltungsmöglichkeit. Das ist das, was ich will und ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben.

Gibt es für Dich Besonderheiten des Trägers, weshalb Du für die Jugendhilfe Oberbayern tätig bist?
Ja, ich habe festgestellt, dass es möglich, gewünscht und erlaubt ist seine Meinung zu äußern, und Verbesserungs- und Veränderungsvorschläge zu diskutieren. Der  innovative Charakter,  mit dem Ziel der Lösungsoptimierung  ist für mich ein Markenzeichen meines Arbeitgebers. Für mich wäre es schwierig und unbefriedigend  für einen Träger zu arbeiten, der mit dem Argument „das war schon immer so“ seinen Alltag bestreitet.

Das sind doch schöne Worte zum Abschluss. Liebe Francis, herzlichen Dank für das Gespräch und den Einblick in das Arbeitsfeld der Kommunalen Hilfen. Viel Spaß in Deiner Arbeit als Bereichsleitung.