Otto Knauer

Otto Knauer M.A.

Diplom-Sozialpädagoge (FH)
Diplom-Betriebswirt (NSH)
M.A. Management of Social Corporations


Otto Knauer, Geschäftsbereichsleiter der Kommunalen Hilfen, ist bereits seit 17 Jahren für das Diakonische Werk Rosenheim tätig und hat das Gesicht der Jugendhilfe Oberbayern in den vergangenen Jahren entscheidend geprägt.

Otto hat in Eichstätt Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Familienhilfe studiert und 1987 mit einer Anstellung beim Landratsamt Rosenheim seine berufliche Karriere gestartet. Nach fünf Jahren im Gesundheitsamt, wechselte Otto in den Allgemeinen Sozialdienst des Kreisjugendamtes und absolvierte berufsbegleitend die Weiterbildung zum Familientherapeuten. Doch dann weckte eine Stellenausschreibung der Jugendhilfe Oberbayern sein Interesse!

In einem Interview erzählt Otto uns seine Geschichte. Er berichtet von seiner Anfangszeit im Diakonischen Werk Rosenheim, seine Wege durch die Entwicklungen der Jugendhilfe im Allgemeinen, der Jugendhilfe Oberbayern im Besonderen und seinen Plänen für seine Zukunft. Und diese sind nicht nur beruflicher Natur, so viel sei schon mal verraten.

Aber nun von Anfang an:

Wie bist Du zum Diakonischen Werk Rosenheim gekommen?

Otto: "Ich glaube, es war 1993, als ich mich um die Leitung der Heilpädagogischen Tagesstätte Rosenheim beworben hatte. Ich fand das Arbeitsfeld total spannend und konnte mir gut vorstellen dort auch meine Fähigkeiten als Familientherapeut einzubringen. Doch Rolf Negele, damals Abteilungsleiter der Jugendhilfe, war der Meinung, diese Stelle sei noch "eine Nummer zu groß für mich. Ich sollte mich zu einem späteren Zeitpunkt wieder mit ihm in Verbindung setzen.

Viele Menschen würde das wahrscheinlich abschrecken, doch ich konnte mit der Aussage gut leben. So nutzte ich meine Chance ein Jahr später und habe mich erneut vorgestellt. Und diesmal konnte ich überzeugen und startete im Oktober 1994 als Leitung der zweigruppigen Heilpädagogischen Tagesstätte Kolbermoor.

Du bist also bereits mit einer Führungsposition beim Diakonischen Werk Rosenheim eingestiegen und heute Geschäftsbereichsleiter der Kommunalen Hilfen. Wie definierst Du Leitung?

Otto: "Ich denke, es ist wichtig, die richtigen Themen zur richtigen Zeit einzubringen. Dabei spielen weniger die Details eine Rolle, als vielmehr die Vorgabe einer Richtung. Damit setze ich natürlich ein hohes Maß an Eigenverantwortung voraus. Das birgt zwar die Gefahr, dass Einheitlichkeit verloren geht, ermöglicht dafür aber ein größere individuelle Bandbreite.

Einer meiner Leitsätze lautet: anderen Menschen ein hohes Maß an Verständnis entgegen zu bringen und im Gegenzug aber auch ein ebensolches Verständnis für meine Anliegen zu wecken. Es geht darum zu Überzeugen. Auch kann ich sagen, dass es mir oft mehr um den Inhalt als um die Wirkung geht. Das sehe ich aber durchaus sehr selbstkritisch. Denn meist ist die Wirkung, z.B. durch eine Präsentation, genauso wichtig wie der Inhalt selbst.

Wie flexibel kann, Deiner Meinung nach, die Zusammenarbeit in der vorhandenen Struktur - Geschäftsbereichsleiter und stellvertretender Geschäftsbereichsleiter - gestaltet werden? Wie wichtig ist Dir Kooperation?

Otto: "Ich arbeite nun seit fast sieben Jahren gemeinsam mit Markus Schmidt in der Geschäftsbereichsleitung der Kommunalen Hilfen und wir hatten bereits unterschiedlichste Formen der Zusammenarbeit. Seit September letzten Jahres haben wir den Geschäftsbereich nach Themen aufgeteilt. Markus ist für alle Angebote an Schulen und die Jugendarbeit verantwortlich, während die Kindertagesstätten mein Schwerpunkt sind. Trotz der Aufteilung in Fachbereiche ist eine intensive Zusammenarbeit und Kooperation unerlässlich. Denn es ist ein Geschäftsbereich und dessen Entwicklung soll in ein und dieselbe Richtung gehen. Vorteil an der Arbeit nach Verantwortungsbereichen ist aber, dass das Routinegeschäft auch ohne kontinuierliche Absprachen über eine gewisse Zeit laufen würde - wenn auch nicht so gut. Markus und ich haben immer einen sehr partnerschaftlichen und intensiven Stil der Zusammenarbeit gepflegt.

Hat sich das Unternehmen seit Deinen Anfängen bei der Jugendhilfe verändert?

Otto: "Ja, ich würde es sogar so beschreiben, dass ich gefühlt circa alle fünf Jahre einen anderen Job hatte.

Die Jugendhilfe Oberbayern hat im Laufe meiner Tätigkeit viele Entwicklungen durchlebt, nur eines blieb konstant: das stetige Wachstum. Durch das ständige größer werden, kam Unbekanntes dazu, es entwickelten sich neue Aufgaben und somit auch neue Herausforderungen. Dieses Wachstum machte immer mehr eine interne Vernetzung notwendig und nach und nach veränderte sich meine Sichtweise auf das Unternehmen. Weg von der ausschließlichen Identifikation mit dem jeweiligen Standort, hin zu dem Gefühl, ein Teil des Ganzen zu sein. Und das finde ich richtig gut. Ich habe die Freiheit, meine Arbeit individuell zu gestalten und mich dadurch von anderen Geschäftsbereichen zu unterscheiden, aber dennoch fühle ich mich dem Ganzen zugehörig und für den Gesamterfolg des Unternehmens mitverantwortlich.

Die Jugendhilfe Oberbayern konnte sich im Laufe der Jahre gut auf dem Markt platzieren und deckt mit dem Portfolio inzwischen das gesamte Spektrum der Jugendhilfe ab.

An welchen Erfolgen in der Entwicklung der Jugendhilfe Oberbayern warst Du maßgeblich beteiligt? Welche Stärken kannst Du einbringen?

Otto: "Dabei fällt mir auf Anhieb der Aufbau und vor allem die Platzierung der Heilpädagogischen Ambulanz im Landkreis Rosenheim ein. Vor über zehn Jahren haben wir als erster Freier Jugendhilfeträger eine ambulante Versorgung im heilpädagogischen Bereich möglich gemacht. Wir standen in starker Konkurrenz mit den ansässigen heilpädagogischen und therapeutischen Praxen, doch konnten wir uns durchsetzen. Wir hatten zwei entscheidende Vorteile: zum einen den Erfahrungsschatz mit den Heilpädagogischen Tagesstätten und zum anderen die vorhandenen Kontakte und somit die Möglichkeit der Vernetzung. Auf diese Weise ist es uns gelungen, die Heilpädagogische Ambulanz auf dem Markt zu etablieren und nach und nach zu erweitern. Ich denke, hier war ich anführender Treiber des Themas.

Ich glaube, eine meiner großen Stärken ist meine Beständigkeit in Umbruchsituationen. Mit meinem ausgleichenden und meist unaufgeregtem Gemüt trage ich zu gelingenden Übergängen, wie beispielsweise der Integration der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Miesbach ins Diakonische Werk Rosenheim oder der Umstrukturierung der psychologischen Fachdienste bei. Dieser positive Umgang mit Veränderungen kommt auch daher, dass ich immer offen für Neues bin.

Ein weiteres Thema, das mich sehr beschäftigt und an dessen Entwicklung ich maßgeblich beteiligt war, ist das Fort- und Weiterbildungsprogramm, welches über die DWRO-consult gGmbH angeboten wird. Auch wenn es über ein anderes Unternehmen läuft, so profitieren doch die Mitarbeitenden des Diakonischen Werkes Rosenheim und in der Folge natürlich auch das ganze Unternehmen von dem inzwischen breiten Angebot. Der gesamte Fort- und Weiterbildungsbereich liegt mir ganz besonders am Herzen.

Du hast gerade erwähnt, dass Du maßgeblich an der Platzierung der Heilpädagogischen Ambulanz beteiligt warst. Zudem ist ja der gesamte Bereich heilpädagogischer Hilfen in Deiner Verantwortung gelegen. Nun sind diese im Rahmen von Umstrukturierungsmaßnahmen in einen anderen Geschäftsbereich übergegangen. Ist es Dir schwer gefallen, diesen Fachbereich abzugeben?

Otto: "Nein, es war ok. Mittlerweile gehört die  Beschäftigung mit Fragen der Umstrukturierung, aufgrund organisatorischer oder fachlicher Notwendigkeiten, beinahe zum Alltagsgeschäft der Mitglieder der Geschäftsleitung.

Die Tagesstätten waren inzwischen ein so gefestigtes Angebot, dass ich diese gut abgeben konnte. Bei den ambulanten Diensten hätte ich persönlich gerne noch zum Wachstum beigetragen beziehungsweise noch den weiteren Ausbau auf den Weg gebracht. Aber ich bin mir sicher, dass das die nun zuständigen KollegInnen tun werden.

Heute ist es Standard des Diakonischen Werkes Rosenheim, dass sich die Geschäftsbereichsleiterebene mit einem zweiten Studium qualifizieren muss. Du warst einer der Ersten innerhalb des Trägers, die ein solches Studium absolviert haben und zählst somit zu den Protagonisten. Welchen Stellenwert hat das für Dich?

Otto: "Ich finde diesen Standard nicht nur wichtig, sondern bei dem vorherrschenden Niveau der Zusammenarbeit auf der Geschäftsbereichsleiterebene als unbedingt notwendig. Das Beschäftigen mit bisher weniger bekannten Lerninhalten, wie z.B. BWL oder Projektmanagement, ermöglicht einem eine andere Art der Diskussion.

Ich habe 2001 mit meinem Zweitstudium begonnen und den Titel M.A. (Management of Social Corporations) erworben. Das Studium hat mir Spaß gemacht und mein Wissen in der Betriebswirtschaft deutlich verbessert. Noch vor zehn Jahren waren solche Studiengänge allerdings nicht so üblich, heute gibt es da schon viel mehr Möglichkeiten. Ich finde das total spannend!“

Siehst Du Besonderheiten des Trägers? Was hält Dich seit so langer Zeit?

Otto: "Für mich ist das Markenzeichen des Diakonischen Werkes Rosenheim beziehungsweise der Jugendhilfe Oberbayern die Dynamik und das schnelle Wachstum - was ich immer in Verbindung mit Rolf Negele als Treiber sehe. Ebenso verfolgt die Diakonie für mich trotz allem Wachstum das Ziel bestmöglich für junge Menschen einzustehen.

Vor meiner Tätigkeit beim Diakonischen Werk hatte ich nach einigen Jahren das Gefühl, ich muss die Stelle wechseln, um wieder neue Herausforderungen und Spannung im Job zu erleben. Hier verspüre ich diesen Drang nicht. Denn aufgrund der rasanten Entwicklung des Trägers habe ich alle paar Jahre das Gefühl, eine neue Stelle zu haben: veränderte Bedingungen, andere Aufgaben, Unbekanntes und somit neue Herausforderungen. Mir wurde bis heute nie langweilig.

Nun hat Deine Tätigkeit beim Diakonischen Werk Rosenheim nicht nur beruflichen Erfolg mit sich gebracht, sondern hat auch im privaten Bereich - provokant formuliert - zur Erfüllung beigetragen. Magst Du uns dazu etwas verraten?

Otto: "Ja, es dürfte ja bekannt sein, dass ich in meiner Arbeit meine Frau Silke kennengelernt habe. Silke war die Bereichsleitung der Heilpädagogischen Ambulanz und ist seit der Geburt unserer Tochter in Elternzeit. Julina ist im Oktober 2010 zur Welt gekommen und lässt mich noch einmal die Freuden und auch Sorgen des Vater seins erleben.

Verstehe ich es richtig, dass sich durch Dein privates Glück die Schwerpunkte in Deinem Leben verändert haben?

Otto: "Natürlich. Bisher habe ich viel  Zeit und Energie in meine Arbeit investiert. Nun habe ich einen neuen Lebensmittelpunkt, nämlich meine Familie. Ich mache meine Arbeit nicht weniger gerne als zuvor, aber Priorität haben meine Frau und Julina. Und ich will mit der Zeit gehen und mich den neuen Gegebenheiten anpassen.

Gibt es Zukunftspläne? Berufliche Ziele?

Otto: "Wie gerade schon angesprochen, hat sich mein Lebensmittelpunkt verlagert. Im Laufe der Zeit verändern sich Lebenssituationen und brauchen neue Entwürfe. Ich bin gerade dabei, mein neues Lebenskonzept zu erstellen, was auch eine berufliche Veränderung mit sich bringen wird.

Zu meiner Rolle als Familienvater kommt der Wunsch, zurück zu meinen Wurzeln zu gehen. Meine Frau und ich kommen ursprünglich aus dem Augsburger Raum, wir haben dort Familie und Freunde, fühlen uns verbunden und möchten deshalb gerne wieder in dieser Gegend leben und unsere Tochter dort aufwachsen sehen. Trotzdem ist mir die Entscheidung nicht leicht gefallen, da diese natürlich Konsequenzen, auch in beruflicher Hinsicht, mit sich bringt. Ich weiß noch nicht, bis wann der Umzug zurück ins Schwabenland möglich sein wird, aber er ist definitiv in Planung.

Das heißt, Du wirst Dich auch beruflich verändern und Deine Zeit als Geschäftsbereichsleiter bei der Jugendhilfe Oberbayern wird endlich sein. Diese Entscheidung machst Du im Unternehmen transparent. Gibt es einen Weg, der nun sowohl Deine Interessen als auch die Absichten des Trägers vereinbaren lässt?

Otto: "Die Situation ist natürlich für alle Beteiligten mit Umstrukturierung und Neuem verbunden. Doch es ist mir wichtig, auch wenn es noch keinen konkreten Zeitpunkt gibt, transparent mit meiner Entscheidung und Planung umzugehen. Nur so ist es auch dem Unternehmen möglich, einen gelungenen Übergang zu schaffen.

Der Vorstand Rolf Negele und die Geschäftsbereichsleiterebene respektiert meine Entscheidung und beide Seiten, sowohl das Unternehmen als auch ich, sind an einer gemeinschaftlichen Lösung interessiert. Es ist gegenseitige Loyalität zu spüren und die Offenheit ermöglicht es beide Interessenslagen zu vereinbaren.

Gibt es etwas, was Du Dir in Hinsicht auf Deine anstehende berufliche Zukunft wünschst?

Otto: "Ich wünsche mir - zurückblickend auf meine langjährige Tätigkeit, die mir bis heute Freude bereitet - weiterhin eine positive Entwicklung der Jugendhilfe Oberbayern und insbesondere der Kommunalen Hilfen (mittelfristig dann wohl unter neuer Leitung). Für mich würde ich mir eine ähnlich spannende berufliche Herausforderung im Augsburger Raum wünschen und genügend Zeit mit meiner Familie.

Ich finde diesen Schritt sehr mutig

Otto: "Ja, finde ich auch. Und vielleicht ungewöhnlich für mein Alter (schmunzelt), aber ich bin davon überzeugt, dass einem das Leben viele Möglichkeiten bietet und es immer mehrere Wege gibt. Ich habe mich eben für diesen einen entschieden.


Ganz nach dem Motto "Wer neue Wege gehen will, muss alte Pfade verlassen" hat Otto in diesem Interview beschrieben, welche Fragestellungen und Konsequenzen ihn beschäftigen, wärend er dabei ist einen neuen Lebensentwurf zu gestalten. Ich denke wir alle wünschen uns weiterhin gute Zusammenarbeit, einen gelungenen Übergang zur richtigen Zeit und bedauern es schon jetzt, dass Otto`s Tage bei der Jugendhilfe Oberbayern wohl gezählt sein werden.

Das Gespräch wurde von Maria Lutz im Februar 2011 geführt.